Kulturvermittlung und das Social Web

von Steffen Peschel am

Christian Holst hat auf der Plattform kultur-vermittlung.ch eine Debatte angestoßen, die ich noch einmal aufgreifen möchte. Das Web 2.0 und die Kulturvermittlung sei keine Liebe auf den ersten Blick schreibt er. Und weiter:

Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn man auf Facebook, Twitter und Co. nach Kultureinrich-tungen sucht. Natürlich sind dort mittlerweile viele Kultureinrichtungen vertreten, aber allzu oft verstehen sie Social Media nur als zusätzliche, neue Kanäle, die mit den altbewährten PR- und Marketingbotschaften befüllt werden können. Für die Kulturvermittlung wird Social Web nur selten genutzt.

Für mich fühlte sich diese Aussage zunächst sehr befremdlich an, stellte sich mir doch die Frage, ob er tatsächlich meint, dass im Internet eben nicht bereits jetzt an allen Ecken und Enden Kultur vermittelt. Das Internet ist ein riesengroßer Vermittlungsapparat und was bitte wenn nicht Kultur ist das, was allgegenwärtig mitschwingt.

Beide haben wir wahrscheinlich recht. Zumindest hoffe ich, dass ich nicht völlig falsch liege. Christian Holst kann ich auch verstehen, aber nur wenn man den zugrunde liegenden Kulturbegriff sehr stark auf das einschränkt, was in den Kultureinrichtungen passiert.

Begrifflichkeiten

Was ist Kultur? Das ist eine der zugrunde liegenden Fragen, die wir stellen sollten, wollen wir Kulturvermittlung und das Social Web zusammen diskutieren. Genauso auch die Fragen: Was ist eigentlich Bildung? Wie wird Pädagogik verstanden? Ich persönlich präferiere ein Verständnis von Pädagogik, bei dem es nicht darum geht zu werten, sondern Angebote zu schaffen und Bildung als ein Arbeiten an sich selbst zu verstehen. Vermittlung als ein Angebot, ein Stück gemeinsames Weg beschreiten.

Die Betonung kann dabei ruhig auf dem Wort “gemeinsam” liegen. Denn so entsteht auch eine Aufgabe auf der Seite derjenigen, die Kultur vermitteln wollen. Was aber heißt das für Kultureinrichtungen? Bettina Riedrich schreibt in ihrem Blog Museale Vermittlung und Social Media,

“dass nicht der Einsatz von partizipativen Medien [...] die Vermittlung partizipativer [macht], sondern die Einstellung der Beteiligten und ein Umdenken der beteiligten Häuser notwendig ist.”

Kulturvermittlung im Internet findet statt!

Wir sind schon lange nicht mehr darüber verwundert, wenn jemand sagt, dass die Nutzung des Mediums Internet ein Massenphänomen ist. Wir können uns mittlerweile auch ungefähr vorstellen, wie das Internet als virtueller Raum aussehen kann. In der Strukturalen Medienbildung wird das Internet als kultureller Raum wie folgt beschrieben:

Mit der Einführung des Internets 1991 und dessen Weiterentwicklung zu einem multimedialen, interaktiven und mit Web2.0 partizipativen Medium haben die klassischen Artikulationsmöglichkeiten neue kommunikative, soziale und kulturelle Qualitäten erhalten. Mit der Entwicklung des Internets zum deliberativen Kulturraum ist ein neuer öffentlicher Raum mit neuen Hoffnungen und Chancen aber auch Gefahren entstanden.

[…]

Das Internet, mittlerweile neuer (trans-) kultureller Raum, hat teilweise dezentrale, schwer kontrollierbare, teilweise zentralisierte, institutionalisierte und kommerzialisierte Formen von Öffentlichkeit hervorgebracht und avancierte damit zum zentralen Sozialisationsmedium. Es bietet Raum für die Entstehung spezifisch medialer Subkulturen. Mit den Neuen Medien ist eine Transformation von einer Kultur für alle in eine Kultur durch alle möglich geworden man spricht auch von Transkulturalität. Menschen können weltweit miteinander in Kontakt treten, ihre eigenen Kulturen mit einbringen und es entsteht damit eine gegenseitige Beeinflussung dieser, Herkunftskultur und mediale Subkultur überlagern sich. Ein neuer kultureller Begegnungsraum ist entstanden.

Über Crowdfunding oder spendenbasierte Finanzierung sind längst auch Ökosysteme entstanden, deren inhaltlicher Kern die Vermittlung ist. Bestes Beispiel ist der Podcast CRE von Tim Pritlove. Fast 200 Podcasts über Themen aus Technik, Kultur und Gesellschaft sind dort mittlerweile entstanden, seit gut zwei Jahren finanziert sich der Podcaster und Medienkünstler Tim Pritlove zu einem großen Teil über Flattr-Einnahmen. Wer will an dieser Stelle noch behaupten, einen qualitativen Unterschied zu anderen Kultureinrichtungen ausmachen zu können?

Kultureinrichtungen heute

Mit dem Internet steht uns eine Ablösung der bisherigen “Kulturvermittlungseinrichtungen” nicht bevor. Der virtuelle Raum kann längst nicht so gut Geschichten erzählen, wie es der haptische kann. Wir sind Lebenwesen mit vielen Sinnen. Wir wollen Riechen, Fühlen, Dinge in Relation zur eigenen Körpergröße bringen und wir wollen uns auch gerade heute, wo scheinbar alles kopierbar scheint, die Einzigartigkeit als Höhepunkt erhalten. Ohne Zweifel, das Museum als Ort bleibt uns auch in einer digitalisierten Welt sehr sinnig.

Was sich aber geändert hat, ist meiner Meinung nach die Blickrichtung auf Kultur. Damit erweitert hat sich sich auch die Beschreibung der Aufgabe der Kultureinrichtungen. Sascha Lobo beschreibt gerade in seiner Kolumne Die Mensche-Maschine das Internet als “Ein Archiv des Grauens”:

Das Netz ermöglicht eine Art digitale Echtzeit-Archäologie. Man wird lernen müssen, sie auszuhalten.

Das beinhaltet zwei wichtige Punkte. Informationen erscheinen endlos vorhanden und ich muss mit ihnen umgehen. Ob ich will oder nicht. Tagtäglich prasseln Unmengen an Geschichten auf mich ein. Was mich betrifft, bewegt mich, nimmt mich mit. Immer öfter muss ich mich auch fragen, was habe ich mit zu verantworten habe.

Aushalten kann ich das nur, wenn ich nicht jedesmal von neuem anfangen muss, mein komplettes Leben zu hinterfragen. Wo komme ich her? Was kann ich aus der Geschichte lernen? Welche Geschichten gehören überhaupt zu mir?

Kultur ist die Beschreibung des Menschseins. Kultur beschreibt, welche Sprache ich spreche, welche Kleidung ich trage, wie diese hergestellt wurde, welche Nahrung ich zu mir nehme, welche Musik ich höre. Wer ich bin, kann ich mir allerdings nur selbst erklären. Niemand anderes kann mir das abnehmen. Kulturvermittlung heißt für mich daher das Schaffen von Angeboten, mich selbst in dieser Welt einzuordnen. Kulturvermittlung heißt Access, Zugang zu mir selbst.

Das Social Web ist keine Kür, sondern Echtzeitraum. Im Sinne der Bildung und im Sinne des Erhaltens von Kultur wäre ein Desinteresse an der Echtzeit fatal.

flattr this!

Der Autor: Steffen Peschel

Ich beschäftige mich in erster Linie mit Fragen rund um Kunst, Kultur und Social Media. Wer mehr über mich erfahren will, findet das auf steffenpeschel.de, Facebook, Twitter oder Google+.

5 Reaktionen auf den Beitrag

  1. Ich glaube, man muss auch nochmal stärker den Begriff der “Vermittlung” in den Fokus holen. Einfach nur etwas posten oder seine Meinung sagen. Oder tatsächlich entsprechend der unterschiedlichen Vermittlungsmethoden in der analogen Welt, etwas im Web 2.0 tun. Da ist es die Frage, welche Methoden eignen sich zur Übertragung. Wir haben z.B. einmal kreative Schreibrezepte für Tweets genutzt. Das war sehr ergiebig. Und führt auch zu einer völlig neuen Sichtweise auf das Twittern. Beim Museumsdienst Köln arbeiten wir gerade sehr intensiv an mehrsprachigen Zugängen zu Kunst und Kultur. Auch hier wären bestimmte Projekte im Web 2.0 denkbar. Mir ist in diesem Sinne noch nicht wirklich ein Web 2.0 Vermittlungsprojekt untergekommen. Da ist noch viel Zukunftsmusik zu hören. Denn es gehört sicherlich zwingend dazu, dass man die Kanäle und deren Kommunikationsmechnanismen verstanden hat und mit ihnen umzugehen weiß! Erst dann kann man sich auch in experimentelle Regionen vorantrauen.

    • Was hältst du davon, wenn man den Spieß mal umdreht und diejenigen, die bereits das Social Web nutzen, mal fragt wie man diese Inhalte anbieten kann? Also gemeint sind jetzt nicht wir in unserer beratenden Funktion, sondern die, denen man Angebote machen möchte?

  2. Hallo Steffen, dein Kulturbegriff ist hier natürlich sehr weit ausgelegt. In dem Fall würde ich sagen, dass man sich mit dem Thema Vermittlung gar nicht beschäftigen muss, weil es via Internet, Werbung, Gesprächen mit Freunden etc. ganz automatisch vermittelt wird. Aber im Umfeld von Kulturmanagement macht es in meinen Augen wenig Sinn, diesen weiten Kulturbegriff zu nutzen, bei dem alles irgendwie alles ist.

    • Du würdest ernsthaft behaupten, dass sich bei einem sehr weiten Kulturbegriff Bildung wie auf einem Mark, wo man immer sagt er reguliere sich selbst, von allein erledigt?

  3. Pingback:Politik als Nadelöhr wird verschwinden | Kultur2Punkt0Kultur2Punkt0

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>