Die aktuellen Änderungen am Corporate Design der Semperoper Dresden hat in den letzten Tagen nicht nur viel Verwirrung und Entsetzen ausgelöst, nein sie bringen auch einige Erkenntnisse mit, womit der Weg der Kultur ins Web (2.0) gepflastert werden mag.
Zunächst eine kurzer Abriss zum Geschehen, um den Grund von Unmut und Verwirrung zu skizzieren. Mit dem Amtantritt der neuen Semperoper-Intendantin Ulrike Hessler, bekommt Dresden mittels Imagekampagne das neue Corporate Design des altehrwürdigen Opernhauses präsentiert. Auch die Webseite der Semperoper (www.semperoper.de), die merklich nicht in die Imagekampagne eingebunden ist (keine URL auf den Plakten abgedruckt), erhält einen Relauch und erhitzt jetzt eine Diskussion, die auf Facebook/Twitter und in Blogbeiträgen im Flurfunk Dresden, Designtagebuch und bei Tyclipso vollzogen wird.


Das neue Logo der Semperoper Dresden
Die meistdiskutierten Kritikpunkte sind technische Umsetzung, Usability und Design.
Zu dem Zeitpunkt als der Relaunch “bemerkt” wurde, liefen immer noch Links von der Startseite aus ins Leere. Aber auch jetzt wo zumindest dies geändert wurde, ist nichts mehr so wie es war. Kommt man z.B. über eine Suchmaschine auf die Seite, ist man zu 95% falsch verbunden, da auf ein Aufsetzen auf die bisherige Seitenstruktur komplett verzichtet wurde. Die Menüstruktur scheint auch nicht bis zum Ende durchdacht, die Links im Text unterscheiden sich optisch nicht vom übrigen Text und sicheres Navigieren sieht insgesamt eigentlich anders aus. Der Textfarbe ist teilweise schlecht gewählt (Staatskapelle, Junge Szene), die Schrift flackert vor den Auge oder hebt sich nicht gut genug vom Hintergrund ab. Die interne Website-Suche bringt auch alles mögliche, nur nicht das wonach gesucht wird. So weit zur Anwenderfreundlichkeit.
Auf optische Designaspekte möchte ich nicht tiefgreifend eingehen, da dies auch etwas mit Geschmack und Wünschen zu hat. Die Mehrheit der Kommentatoren reagieren zwar geschockt, als Beispiel möchte ich trotzdem folgenden Kommentar (Tyclipso Blog: “semperoper.de – Relaunch!”) aufzeigen.
Die Abkehr vom Barock. Endlich!
Gratulation zum gelungenen Relaunch von Semperoper.de! Die Seite ist endlich mal nicht barock. Und sie lenkt den Blick auf das Wesentliche: auf die Aufführungen.
Offensichtlich liebt der Dresdner die Semperoper für ihre Architektur. Aber kennt er auch die aktuellen Aufführungen? Wahrscheinlich nein. Daher finde ich die Seite einen Schritt in die absolut richtige Richtung!
Ergänzte Anmerkung: Die Semperoper ist kein Barock (Dank an Iris Schilke). Das spielt aber für meine Aussage nur eine untergeordnete Rolle. Da ich offensichtlich Nachholbedarf habe, habe ich Barock allgemein mit Stil der Architektur ersetzt.
Ist die Abkehr von Barock vom Stil der Architektur für eine Einrichtung, deren Aussenwirkung jahrelang über die barocke Architektur des Hauses geprägt war, im Sinne einer Corporate Identity überhaupt möglich?
Die Corporate Identity (CI) versteht sich als eine Art Unternehmensleitbild, unter dem alle Aspekte des Charakters eines Unternehmens zusammengefasst werden. Das Corporate Design (CD) als visuelle Identität ist Teil der Corporate Identity.
(Quelle: Modernes Webdesign von Manuela Hoffmann)
Der Semperoper Besucher spielt in der Definition dieser Identität übrigens auch eine sehr große Rolle. Um sich das vor Augen zu führen, kann man in den FAQs auf der aktuellen Webeite folgendes finden.
Gibt es eine Kleiderordnung?
Explizite Kleidungsvorschriften gibt es in der Semperoper Dresden nicht. Kleiden sich so, dass Sie sich wohlfühlen und beachten Sie dennoch, dass insgesamt eine festliche Atmosphäre im Opernhaus herrscht.
Vor allem bei besonderen Anlässen wie Galaveranstaltungen und Premieren fallen auch Abendkleider und Smokings keineswegs aus dem Rahmen.
Folgende zwei Beispiele (via) zeigen ausserdem auf, dass nicht Minimalismus das Problem ist, sondern eine fehlende Aussagekraft.
[…] Der neue, von Fons Hickmann m23 kreierte Auftritt transportiert – und hier kommt man als Betrachter ins Stocken –, ja was denn eigentlich? […] (Quelle: Designtagebuch)
Was lernen wir für die Prozesse, um Kultur erfolgreich ins Web 2.0 zu begleiten?
Das Design einer Webseite ist an mehr Faktoren gebunden, als der Browser darstellt.
[…] Das Redesign ist eine Zäsur, wie sie nicht schärfer visualisiert werden kann. Sind die Veränderungen in der Semperoper so umwälzend, dass solch ein Schnitt unumgänglich gewesen ist? Wurde die Oper zerstört und ist sie an anderer Stelle wieder aufgebaut worden? […] (Quelle: Designtagebuch.de)
Webdesign, Kommunikation, Kunst
[…] Genau genommen ist das Erscheinungsbild keines, das unter designrelevanten Aspekten konzipiert wurde – beim Betrachten der Website und dem Versuch in ihr zu Navigieren wird dies deutlich –, sondern es ist der künstlerische Anspruch vor allem der Intendantin Hessler, der Triebfeder für die Gestaltung war. Nun kann man vortrefflich darüber streiten, ob Design nicht vollkommen andere Aufgaben hat als die Kunst. […] (Quelle: Designtagebuch.de)
Die Oper ist das Gegenteil von Virtuell und Digital?
In einem Interview mit MDR Figaro vom 11. August zeigt die neue Semperopernintendatin Ulrike Hessler leider sehr eindrucksvoll, wie sehr die Meinung über Kommunikation über das Internet von Unkenntnis oder Vorurteilen geprägt ist.
[…]
Frage: Bleiben wir aber weiter bei der Oper, wenn die Opernintendantin der Semperoper nun hier bei uns ist. Man hört ja immer wieder, ich glaube so lange wie es Operngeschichte gibt, gibt es auch dieses Wort davon, die Oper die sei doch tot und immer gerade dann wenn dieser Ruf am lautesten tönte, dann war sie immer gerade besonders lebendig. Ich hab so ein bisschen den Eindruck man hört aber diesen Ruf seit einiger Zeit nicht mehr so laut. Müssen wir uns so insgesamt vielleicht doch ein bisschen mal Sorge machen um die Oper?
Ulrike Hessler: Ich glaube man muss sich keinesfalls Sorge um die Oper machen. Denn diese Kunstform wird bleiben, sie wird weiter bewegen, denn wo sonst als in der Oper können sie mit anderen Menschen gemeinsam solche emotionalen, wunderbaren Erlebnisse haben, intereressante Geschichten hören und gerade in einer Zeit wo doch sehr viele Leute, auch gerade jüngere Leute vereinzelt vor ihrem Computer sitzen, sich mehr mit der virtuellen und digitalen Welt auseinander setzen. Die Oper ist das Gegenteil von Virtuell und Digital. Sie ist direkt, mehr als analog sozusagen und sie kann ganz direkt auf den Menschen wirken. Deswegen glaube ich, dass sie das Gegenteil von Tod ist, sie ist genau so lebendig wie sie eigentlich immer war. Todgesagt wurde sie sicherlich des öfteren, aber sie ist ein nach wie vor ein Kraftwerk der Leidenschaft, wenn sie gut gelingt am Abend.
[…]
Kultur schafft Idendität
Wenn man so will, hat der Relaunch auf eine etwas harte Art und Weise über die vielen Kommentare gezeigt, dass es den Menschen nicht egal ist, wie sich ein großes Opernhaus präsentiert. Sie indentifizieren sich mit ihm. Das Opernhaus repräsentiert also nicht nur sich selbst, sondern auch seine Besucher, Freunde und Förderer der Oper sowieso und im Falle der Semperoper kann man sogar noch so weit gehen, dass sie sogar alle Bürger der Stadt Dresden repräsentiert, da sie als weltweit wirkende Marke für die Stadt Dresden wirbt.
Wie sehr davon künstlerische Aspekte betroffen sind, zeigt folgende Aussage von Mathias Bäumel. Er beschreibt in einem Artikel über die Einführung des neuen Corporate Designs des Staatsschauspiel Dresden eine von ihm wahrgenommende Tendenz wie folgt.
[…] Sorge macht mir aber nun auch beim Dresdner Staatsschauspiel eine üble Gepflogenheit, die sich anscheinend – ich erinnere an das unsägliche aktuelle visuelle Erscheinungsbild der Musikfestspiele – zur Tendenz auswächst: Intendanten betrachten offenbar „ihre“ Einrichtung, die sie ja zeitlich begrenzt künstlerisch leiten sollen, als ihr persönliches Eigentum und lassen jeweils für ihre Herrschaftszeit ein von Grund auf neues Corporate Design mit neuem Logo, neuen Hausfarben und neuen Hausschriften entwickeln. Und dies dann – was soll’s, es ist ja nicht das eigene Geld – grottenschlecht. […]
Die Kultur ist längst im Web 2.0 angekommen
Der Artikel im Design Tagebuch hat es bis dato auf 165 Kommentare gebracht. Ebenfalls die anderen oben genannten Artikel haben viel Diskussion entfacht. Es wurde von vielen Leuten auf Facebook diskutiert und einige Male bei Twitter gepostet. Die Semperoper ist also im Web 2.0 vertreten, nur schade, dass sie an dieser Kommunikation nicht teilnimmt.

Semper? Barock?
Danke! Hab es im Text angemerkt.
Tja, das alte Lied. Das Internet ist mittlerweile fixer Bestandteil unserer Welt, in der wir uns ja auch nicht mehr entscheiden können, ob wir dabei sein wollen oder nicht.
Die Seite selbst finde ich eigentlich recht ansprechend, wer wünscht sich nicht so eine aufgeräumte Startseite. :-) Auf alle Fälle ist noch Platz für Twitter, Facebook & Co-Buttons. :-)
Danke Steffen für die Ausführungen.
Wenn der neue Webauftritt der SemperOper (oh, da hab’ ich ein wenig CamelCase geübt ;-)) etwas Gutes hat, dann dies:
Man redet über die SemperOper, und das in aller (Web-)Öffentlichkeit.
Wer kann sich denn besseres Marketing erhoffen als solches?
Meine Sichtquote der alten SemperOper Website: 0 Hits (in 17 Jahren (!))
Meine Sichtquote der neuen SemperOper Website: > 5 Hitz (in weniger einer Woche)
…. was lässt sich aus der ganzen Sache mitnehmen:
1. Provozieren, und sei es mit Neuem facht das Gespräch an
2. Mut wird stets zuerst mit Schlägen belohnt (was heute wie eine Niederlage aussieht, kann sich ganz schnell wandeln)
3. Möglichkeit zu sich entfaltenden Dialog (sobald die Positionsbeziehungen in den Hintergrund treten und das Gemeinsame für Dresden in den Vordergrund tritt)
4. Dankbarkeit zu sehen, dass es noch andere Mutige gibt
Einen schönen Abend allen noch an dieser Stelle und bald auf Action hoffend (gemeinsames Weiterentwickeln und Gestalten mit den KollegInnen der SemperOper)
Ralf
PS.: Wer mehr erfahren möchte, wie Tradition und Zukunft zusammengehen, dem sei eine Vortragsreihe im Schloß am Mittwoch ab 15 Uhr empfohlen. Mehr dazu in Kürze unter http://twitter.com/skdmuseum – Kunst 2.0 beginnt mit den Menschen und echten Gesprächen :-)
Danke an Steffen für die ausführliche Zusammenfassung des Themas. Sicher hat auch Ralf recht, provozieren ist immer gut. Nur verfolgt die Semperoper mit Ihrer Webseite ja auch kommerzielle Interessen.
Sie wollen potentielle Besucher informieren und Karten verkaufen. Hier ist Usability absolut vor Design zu stellen! Denn jeder nicht erkennbare Link, jede versteckte Information und jede Irreführung kostet der Oper Besucher und damit Geld. Da nützt die kurze (unabsichtlich?) provozierte Aufmerksamkeit nicht viel.
Was ich mit “versteckter Information” meine? Die Überschriften der Anreißer sind keine(!) Links. Erst nach der großen Überschrift und einem großen Bild folgt ein kurzer Text mit anschließendem “mehr…” Link. Allein hier werden viele Leute vergeblich auf die Überschrift klicken nur um festzustellen das das nicht geht.
Vielleicht lassen sich die Verantwortlichen ja überzeugen, die Benutzbarkeit durch kontinuierliches Testen über die Zeit zu verbessern.: http://www.useit.com/alertbox/20030825.html und http://www.useit.com/alertbox/ia-mistakes.html
Ich bezweifle nach wie vor, dass den überwiegenden Teil der Opernbesucher in Dresden der künstlerische Inhalt tatsächlich interessiert. Von daher halte ich die Vergleiche mit anderen renommierten Häusern für zart übertrieben.
Da kenne ich andere Beispiele aber auch und zwar durchaus “renommiert”. ;-)
Kurz ein Wort zum neuen Corporate Design der Semper Oper (SO). Die aufgezeigten Beispiele (New York City Opera, Thalia Theater Hamburg) können nur sehr bedingt als Beispiel und Referenz dafür gelten, wie andere Opernhäuser sich im Gegensatz zur SO im Web präsentieren. Denn der Ist-Zustand einer Marke zeigt leider nie, wie sich eine Marke über die Jahre entwickelt hat und welche unterschiedlichen grafischen Veränderungen das CD in dieser Zeit erfahren hat (Brandmanagement). Für mich ist der Sprung (gefühlt weg vom Barock, hin zur “Moderne”) einfach zu groß. Es sei denn der Markenkern und die Markenwerte der SO wurden für die Öffentlichkeit unbemerkt in letzten Wochen und Monaten konsequent in diese Richtung entwickelt. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, auf mich macht das neue “moderne CD” der SO einen positiven Eindruck. Aber die SO gehört weltweit in die Liga einiger weniger Opernhäuser. Aufgrund dieser Bekanntheit und dem damit verbundenem Renomée sollte ein Relaunch „sensibler“ durchgeführt werden. Zumindest ist das neue CD hochgradig erklärungsbedürftig, da nicht nachvollziehbar ist auf welcher konzeptionellen Basis Entscheidungen getroffen wurden. Persönlich finde ich es schade, dass das neue CD leider zu einer Nivellierung der Marke geführt hat und nicht zu einer Stärkung des Brands.